Illustration eines WC-Häuschens mit Herz und dem Hinweis auf Räume für Ruhe, pausen und Selbstregulation

Gibt es wirklich nur das stille Örtchen? Warum wir Räume für Ruhe und regelmässige Pausen im Alltag brauchen

Gibt es wirklich nur das stille Örtchen?

Warum regelmässige Pausen, Selbstregulation und Räume für Ruhe so wichtig sind

Regelmässige Pausen im Alltag sind wichtig für unser Nervensystem, unsere Selbstregulation und langfristig auch für Burnout-Prävention.
Trotzdem fehlen gerade dort, wo viele Menschen zusammenkommen, oft ganz selbstverständliche Räume für Ruhe.

 

Wenn Kindern in der Schule alles zu viel wird, gibt es oft einen Ort, an den sie sich zurückziehen können, ohne sich gross erklären zu müssen: die Toilette.

Das stille Örtchen wird dann tatsächlich zum stillen Ort.

Nicht unbedingt, weil ein Kind zur Toilette muss, sondern weil es einen Moment Ruhe und Abstand braucht: Weniger Stimmen, weniger Reize und weniger Anforderungen. Einen Ort, an dem es kurz niemandem etwas erklären muss.

Wir verbringen einen grossen Teil unseres Alltags mit anderen Menschen: In Beziehungen, in Familien, in Schulen, an Arbeitsplätzen, in Weiterbildungen. Wir sind von Stimmen, Erwartungen, Gesprächen, Informationen und Reizen umgeben.

Trotzdem gibt es erstaunlich wenige Orte, an denen es selbstverständlich ist, einfach einmal still zu werden zwischendurch.

Pause machen, bevor nichts mehr geht.

Pause beginnt nicht erst dann, wenn nichts mehr geht. Sie beginnt dort, wo wir wahrnehmen, dass unser Nervensystem Ruhe braucht.

Vor Kurzem erzählte mir ein Lehrpersonenteam, dass es sich für das neue Schuljahr etwas vorgenommen hat:

Wenn jemand in der Pause ins Teamzimmer oder Schulzimmer kommt und ein Gespräch beginnen möchte, soll es erlaubt sein zu sagen:

„Ich brauche gerade Pause, bitte.“

Was für ein einfacher Satz und gleichzeitig: Wie schwer kann es sein, ihn auszusprechen?

Denn Pausen sind in unserem Alltag zwar vorgesehen, aber oft gar keine wirklichen Pausen.

Kinder gehen auf einen Pausenplatz voller Stimmen und Bewegung. Lehrpersonen verbringen ihre Pause im Teamzimmer, beantworten Fragen, tauschen Informationen aus oder hören jemandem zu, der noch schnell etwas loswerden möchte.

Auch in Familien ist es ähnlich. Wir kommen nach Hause und bleiben im Kontakt, organisieren, sprechen, reagieren, hören zu, erledigen.

Das alles gehört zum Leben.

Aber unser Nervensystem braucht auch das Gegenteil: Momente, in denen weniger von aussen kommt.

Selbstregulation entsteht im Alltag. Nicht durch eine einzelne Stunde Meditation, sondern durch kleine, wiederkehrende Momente der Ruhe.

Viel wichtiger wären kleine Momente der Regulation mitten im Alltag.

Gerade Menschen, die besonders sensibel auf Reize reagieren, profitieren davon, nicht erst dann eine Pause zu machen, wenn bereits alles zu viel ist.

Vielleicht sind es am Anfang nur drei Minuten, Augen schliessen, ruhig atmen, den Körper wahrnehmen, einen festen Punkt anschauen oder dem Klang eines Gongs lauschen. Für einen Moment nichts leisten müssen.

Solche kurzen Unterbrechungen könnten auch in Schulzimmern für alle ritualisiert werden. Ein Gong, drei Minuten Ruhe, alle werden still.

Nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als Teil des Alltags.

Mit der Zeit lernen Kinder und Erwachsene vielleicht immer besser zu spüren, wann sie selbst eine Pause brauchen. Dann können diese individuell stattfinden. Jeder entwickelt so zunehmend ein Gefühl dafür, wann es Zeit ist, kurz nach innen zu gehen.

Regulation entsteht durch Wiederholung.

Nicht erst im Notfall.

Was lernen Kinder von uns?

Kinder lernen nicht nur durch das, was wir ihnen sagen. Sie lernen auch daran, ob Erwachsene ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und sich Pausen erlauben.

Dabei geht es auch um Vorbilder.

Wie sollen Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und rechtzeitig für sich zu sorgen, wenn sie Erwachsene kaum je dabei erleben?

Wenn Eltern und Lehrpersonen immer weitermachen, erreichbar bleiben, funktionieren, reagieren und durchhalten, vermitteln wir ungewollt eine Botschaft:

Pause macht man erst, wenn es wirklich nicht mehr geht.

Natürlich gibt es heute in vielen Schulzimmern bereits Rückzugsecken. Das ist eine wichtige Entwicklung.

Doch häufig werden sie vor allem von einzelnen Kindern genutzt – von jenen, die sich schwer regulieren können oder im Unterricht besonders viel Unterstützung benötigen. Damit bekommt Rückzug schnell etwas Aussergewöhnliches für diejenigen, die „es brauchen“.

Was wäre, wenn es normal wäre? Wenn Kinder erleben würden, dass jeder Mensch manchmal Ruhe braucht?

Die Lehrerin genauso wie der Schüler. Die Mutter genauso wie das Kind.

Dann würde Ruhe nicht bedeuten: Mit mir stimmt etwas nicht.

Sondern:

Ich merke, was ich brauche, und darf darauf reagieren.

Vielleicht brauchen wir Räume für Ruhe

Früher dachte ich oft: Eigentlich müsste es in Schulen Meditationsräume geben.

Heute frage ich mich, ob bereits dieser Begriff zu eng ist, denn nicht jeder möchte meditieren. Bei manchen Menschen löst das Wort vielleicht bereits Widerstand aus.

Vielleicht brauchen wir etwas viel Einfacheres:

Räume für Ruhe.

Nicht unbedingt grosse oder aufwendig gestaltete Räume. Orte, an denen klar ist:
Hier wird nicht gesprochen. Hier muss niemand etwas leisten. Hier darf ich für einen Moment weniger Reizen ausgesetzt sein. Hier muss ich mich nicht erklären.

So selbstverständlich wie ein Ruheraum in einer Sauna. Nur eben nicht erst dann, wenn wir Ferien machen oder einen Wellnessbereich besuchen, sondern mitten im Alltag.

Nicht Rückzug aus Beziehung, sondern Rückkehr zu sich selbst

Der Begriff „Rückzug“ ist dabei nicht ganz unproblematisch. Denn Rückzug kann auch bedeuten, dass wir uns aus Beziehung verabschieden.

Wir kennen das aus Partnerschaften und Familien: Jemandem wird alles zu viel, er geht ins Schlafzimmer, schliesst die Tür und ist weg.

Manchmal ist auch das notwendig, aber Ruhe und Beziehungsabbruch sind nicht dasselbe. Es geht nicht darum, sich von Menschen abzuwenden.

Denn nur weil wir mit Menschen zusammen sind, sind wir noch lange nicht wirklich in Verbindung.

Überreizt, angespannt und erschöpft reagieren wir schneller genervt, werden ungeduldiger oder ziehen uns innerlich ganz zurück.

Eine Pause kann deshalb Beziehung schützen.

Prävention beginnt viel früher

Auch in meiner Arbeit mit Erwachsenen begegnet mir dieses Thema immer wieder.

Eine Klientin erkennt gerade in einem tiefen persönlichen Prozess, wie wichtig es für sie ist, Grenzen wahrzunehmen und zu setzen.

Wenn sie beispielsweise mehrere Tage in einer Weiterbildung mit vielen Menschen verbringt, wird ihr Nervensystem zunehmend überreizt.

Sie spürt danach, dass es zu viel war. Doch dann ist es schon zu spät. sie braucht tagelang, bis sie wieder reguliert und erholt ist.

Sie hat das schon so oft erlebt und weiss im Grunde, dass es ihr nicht gut tut. Trotzdem fällt es ihr schwer, sich zwischendurch raus zu nehmen.

Sie versucht weiterzumachen, mit den anderen mitzugehen, Gespräche zu führen und dabeizubleiben.

Denn zu merken, dass man Ruhe braucht, und sie sich tatsächlich zu erlauben, sind zwei verschiedene Dinge.

Viele Menschen haben über Jahre gelernt, ihre Aufmerksamkeit fast ausschliesslich nach aussen zu richten:

Was wird von mir erwartet? Was brauchen die anderen? Was muss ich noch erledigen? Den Zugang nach innen wiederzufinden, kann ein längerer Lernprozess sein.

Genau deshalb beginnt auch Burnout-Prävention für mich viel früher als bei der Frage, was wir tun, wenn ein Mensch bereits völlig erschöpft ist.

Sie beginnt dort, wo jemand überhaupt wahrnimmt: Es wird mir gerade zu viel.
Da wo es möglich ist, auf dieses Signal zu reagieren, bevor der Körper irgendwann selbst die Notbremse zieht. Es beginnt bei uns selbst.

Vielleicht ist das letztlich die eigentliche Veränderung. Es beginnt bei jedem Einzelnen.

Bei der Frage:

Kann ich wahrnehmen, wann ich Ruhe brauche?

Kann ich mir erlauben, eine Pause zu machen?

Kann ich sagen:

„Ich brauche gerade ein paar Minuten für mich.“

Dann bleibt dir Verbindung und in der Beziehung, in der Familie, im Schulzimmer, im Teamzimmer, im Schulhaus und am Arbeitsplatz.

Überall dort, wo Menschen viele Stunden miteinander verbringen.

Wenn Räume und kleine Rituale der Ruhe selbstverständlich zum Alltag gehören würden, könnte sich etwas verändern.

Vielleicht gäbe es weniger Überreizung, weniger gereizte Antworten, weniger Konflikte, die eigentlich aus Erschöpfung entstehen.

Vielleicht auch weniger Menschen, die jahrelang über ihre Grenzen gehen, bis irgendwann gar nichts mehr geht.

Wir brauchen nicht noch mehr Anforderungen an einen ohnehin vollen Alltag.

Wir brauchen Momente, in denen einmal nichts von uns verlangt wird.

 

Vielleicht braucht es dann irgendwann auch das stille Örtchen nicht mehr als letzten Zufluchtsort.

 

 

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